Verzicht – ein Gewinn?

Dreimal Weltrekord im damaligen Fünfkampf, Sportlerin des Jahres 1977, eine Kugelstoß-Bestleistung von 21,43 – das war Eva Rapp (früher Wilms) als Athletin. Heute ist sie Bundestrainerin und Leiterin des DLV-Stützpunkts Nürnberg/Fürth und dort verantwortlich für den weiblichen Nachwuchs im Mehrkampf. Um im Stützpunkt aufgenommen zu werden und langfristig ausgerichtete Förderung zu erhalten muss nicht nur die Leistung, die Leistungsentwicklung stimmen und die entsprechende Einstellung und Motivation erkennbar sein. Athlet und Trainer müssen in einem ausführlichen Gespräch ihre Ziele, Pläne und Vorstellungen der Zielerreichung darlegen und sich einer intensiven Befragung durch die dortigen Trainer stellen. Es wird dann gemeinsam festgestellt und besprochen wie viel Training möglich ist, wie viel Training notwendig ist und inwieweit die Vorstellungen realisierbar sind. Die abschließende und entscheidende Frage der Bundestrainerin lautet: “Auf was bist du bereit dafür zu verzichten?“ Ein großer Teil der Aufnahmekandidaten hat sich dazu nicht wirklich etwas überlegt bzw. will nicht wirklich auf etwas verzichten.

 

Verzicht – dieses Wort klingt für die meisten von uns unangenehm. In Zeiten einer Überflussgesellschaft, die grenzenlosen Konsum jederzeit, immer, überall und sofort gewohnt ist, erscheint Verzicht wenig verlockend. Verzicht wird mit Entsagung, Askese, Zwang in Verbindung gebracht, als negativ gesehen und empfunden.

Die meisten von uns kennen persönlichen Verzicht nur als mehr oder weniger letzte Maßnahme um zum Beispiel gesundheitlichen Problemen entgegenzuwirken – meist nicht freiwillig, sondern bereits als Muss, z.B. Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, auf Zucker, auf Fette, auf Alkohol, auf Nikotin. Wenige erkennen dabei den eigentlichen Nutzen dieses Verzichtes – nämlich den Gewinn aus neuem Wohlbefinden, an möglicher Stabilisierung oder sogar ein gänzliches Verschwinden der Beschwerden.  

 
Bereits 500 Jahre vor Christi sagt Konfuzius: „Die durch Beschränkung verloren haben, sind selten“. Man kann also durch Verzicht gewinnen?

 
Ein großer und auch meinungsbildender Teil unserer Gesellschaft sind Sportler aller Leistungsklassen. Immer auf der Suche nach Möglichkeiten, die eigene Leistung zu verbessern und die individuellen Grenzen zu erreichen haben sie erkannt, dass Verzicht notwendig ist. Immer wieder liest und hört man von Sportlern, dass erst der Verzicht auf liebgewonnene, bequeme Annehmlichkeiten und Verhaltensweisen zur gewünschten Leistung und damit zum angestrebten Erfolg geführt hat. Es braucht nur einmal die Erkenntnis und dann den Mut dazu. Schnell erkennt man, dass der Verzicht auf vertraute Bequemlichkeiten nicht unangenehm und beschwerlich ist, sondern befreiend, sinnvoll und hilfreich in Hinsicht auf seine persönlichen Zielvorstellungen. Der geplante freiwillige Verzicht entpuppt sich rasch als Gewinn. 

 
Auch bei Martin Kainrath – unserem erfolgreichen Hürdenläufer war dies so. Martin fiel schon in unserem Kindertraining als Hürdentalent auf. Die ersten Wettkämpfe verliefen erfolgversprechend. Das Training und auch das Rundherum hat er aber noch nicht so ernst genommen. So war ihm zum Beispiel eine sportlergerechte Ernährung eher unbekannt. Die Aufrufe seiner Betreuer, doch auf Eistee, Cola, Chips, Mannerschnitten und Wurstsemmeln als Wettkampfverpflegung zu verzichten, blieben meist ungehört. Dann eröffnete sich Martin aufgrund seiner bisherigen Leistungsentwicklung die Chance, das Limit für die U20 EM 2013 in Rieti zu erbringen. Sein Ehrgeiz war geweckt und er stellte sich die Frage, was neben verstärktem Training noch zu tun sei bzw. vielleicht nicht mehr. Er unterzog seine liebgewonnenen Gewohnheiten einer strengen Prüfung und entschied für sich: kein Junkfood, keine Süßigkeiten, keine zuckerhaltigen Getränke mehr, dafür viel Obst und Gemüse, mehr und früher schlafen, um 06:00 Uhr aufstehen, Fortgehen reduzieren. Also Verzicht auf viele selbstverständlich gewordenen Gewohnheiten und Verhaltensweisen.

 

Verzicht, vermeintlicher Verzicht? Nein, im Gegenteil. Für Martin führte dies zu großem persönlichen Gewinn: mehrmalige Verbesserung der persönlichen Bestleistung, Limit und Teilnahme an den Europameisterschaften in Rieti, Teilnahme am 110m Hürdenlauf mitten unter Weltklasseathleten bei den GuglGames, Training mit dem US Team und dem Olympiasieger Aries Merrit, Kontakt mit Spitzentrainern, Aufnahme in den ÖLV-Elitekader, Aufnahme ins HSZ. Am Ende der letzten Saison fragte ich Martin, wie er seinen Verzicht empfunden habe? Seine prompte Antwort war: „Ich habe es nicht als Verzicht empfunden“.

 

Athleten im begrenzten gesellschaftlichen Biotop des Sports machen es uns also vor. Die Gesellschaft wird früher oder später lernen (müssen), dass es ohne Verzicht nicht gehen wird. Die Verknappung der Ressourcen, die Umweltverschmutzung, der Klimawandel werden uns zu reduziertem Konsum zwingen. Ein rascher freiwilliger Verzicht in kleinen Schritten auf lieb gewonnene Bequemlichkeiten – nicht sofort auf alles, wäre aber einem erzwungenen Verzicht, „Verzicht by Chaos“, wie Prof. Dr. Niko Paech von der Universität Oldenburg in seinem Buch „ Befreiung vom Überfluss“ schreibt, vorzuziehen. Das heutige Konsumverhalten geht weit über das hinaus was für Überleben, Gesundheit, Zufriedenheit und Lebensglück notwendig ist. Die moderne Glücksforschung hat festgestellt, dass sich die Bestimmgründe für das Glück wie folgt zusammen setzen: 50 Prozent sind Vererbung und Gene, 40 Prozent sind absichtliche Aktivitäten und 10 Prozent sind Lebensumstände.

 

Nehmen wir uns alle ein Beispiel an Martin, an all den anderen vielen Sportlern und setzen wir alle in kleinen Schritten die absichtliche Aktivität des freiwilligen und frohen Verzichts – zu unser aller Gewinn.

 

Peter Hiller